Drehleiter Heinrich erfordert mutige Männer

Stadtfeuerwehr erhielt neues Großgerät - Auf dem Marktplatz mit Sekt getauft

Die Szenerie war ähnlich wie vor 4 Wochen:
Der nächtliche Marktplatz von Memmingen erstrahlte im Scheinwerferlicht, die Spielleute der Feuerwehr bearbeiteten ihre Kalbfelle und die Querpfeifen jubilierten – mit recht übrigens, denn die Stadtfeuerwehr erhielt als neustes Großgerät eine voll hydraulische Drehleiter modernster Bauart von Oberbürgermeister Doktor Heinrich Berndl feierlich übergeben. Das imposante Fahrzeug mit seinem Spezialaufbau war erst am Tage vorher von einem Kommando der Memminger Wehr im Herstellerwerk übernommen und von Karlsruhe in die Mausstadt überführt worden. Tief griff dafür der Stadtrat in den Säckel, denn immerhin wurden rund 96.000 DM investiert.

Es war ein nicht alltäglicher Anblick, als vor dem Rathaus in der Dunkelheit die 3 Leitern unserer Wehr aufgefahren waren: die ganz alte Leiter von „anno dazumal“, die 1954 angeschaffte Drehleiter mit 25 Metern Ausfahrhöhe und der Star des Abends, die Riesenleiter mit ihren 30 Metern Gipfelhöhe. Als der Oberbürgermeister den Platz betrat, flammten die Scheinwerferbündel auf und Kommandant Kreisbrandinspektor Hans Kleiber begrüßte die Gäste und das sich rasch ansammelnde Publikum. Neben dem OB waren auch Oberrechtsrat Heinz Born und für die 26 Memminger Stadträte Stadtrat Otto Steiger erschienen. Kommandant Kleiber bedankte sich bei den Stadtvätern sehr herzlich für den neusten Zuwachs im Feuerwehr Gerätepark und wies darauf hin, dass angesichts der Entwicklung der Stadt Memmingen, vor allem in baulicher Hinsicht, die Ausrüstung der Wehr mit einer solchen Drehleiter ein Gebot der Stunde war. Nicht zuletzt die schweren Brandkatastrophen in Bayern im Jahre 1962 hätten den Ausschlag gegeben, dieses Fahrzeug zu erwerben. Wenn damit auch nur ein Menschenleben im Ernstfall gerettet werden könnte, habe sich die Bereitstellung der Mittel bereits bezahlt gemacht.

Kleiber bedankte sich vor allem auch für das stete Verständnis und Entgegenkommen der Stadt bei der Erfüllung der berechtigten Wünsche der Stadtfeuerwehr und versprach für sich und seine Männer, diese Anerkennung mit Einsatzfreudigkeit und weiterer Steigerung des Leistungsstandes zu honorieren. Der Kommandant erläuterte dann kurz die technischen Einzelheiten der neuen Drehleiter und deren Einsatzmöglichkeiten.

Oberbürgermeister Dr. Berndl schilderte in seiner Ansprache zunächst einige historische Reminiszenzen des Feuerlöschwesens in der Stadt Memmingen und sagte, die Feuerwehr habe bisher neben der Drehleiter vom Baujahr 1954 nur noch über eine alte, vollgummibereifte Leiter und ferner über eine pferdebespannte mit Handkurbel zu betreibende Drehleiter verfügt. Das gummibereifte Fahrzeug wurde im Vorjahr nach Reparatur dem Bauhof übergeben, es soll für Arbeiten der Handwerkerschaft, für Dachdeckereien, Spenglereien und Anbringung der Weihnachtsdekoration noch Dienste leisten. Nachdem deren Geschwindigkeit auf 8 km/h beschränkt wurde, kam sie ohnehin für einen Feuerwehreinsatz nicht mehr in Betracht. Die noch aus der guten alten Kaiserzeit stammende, pferdebespannte Drehleiter besitzt lediglich noch Museumswert, denn heutzutage kann man nicht mehr mit „Hüh und Hott“ zu einer Brandstelle zuckeln.

Die Anschaffung der 30 Meter Leiter war für die komplette Ausrüstung von 2 Löschzügen, für den Einsatz bei Großbränden, aber auch bei einem gleichzeitigen Brandfall im Stadt und Landkreis unbedingt notwendig, zudem hatte der Stadtrat beschlossen, dass die im Jahre 1954 erworbene Drehleiter nicht mehr für feuerwehrfremde Zwecke eingesetzt werden darf. Zu den Kosten der neusten Drehleiter von 96.000 DM darf ein Staatszuschuss in der Höhe von 19.000 DM erwartet werden. Auf lange Sicht hinaus gilt nun die Schlagkraft unserer Feuerwehr als gesichert, denn jetzt stehen 2 zwei voll ausgerüstete Löschzüge, je ein Tanklöschfahrzeug, ein Löschfahrzeug und eine moderne Drehleiter zur Verfügung, erklärte der Oberbürgermeister abschließend.

Eine besondere Überraschung war es, als dann der vierjährige Feuerwehrsohn und Kommandanten Enkel Ernst-Alfred Wiskott im „guten Anzügle“ auf das neue Fahrzeug gehoben wurde und nach dem Pfropfenknall den Schampus über den Kühler brausen ließ. „Ich taufe dich auf den Namen Heinrich“, piepste der Kleine tapfer, gleichzeitig wurde der Klebestreifen, der den aufgemalten Vornamen unseres Oberbürgermeisters bis dahin noch verdeckt hatte, abgerissen. Die Drehleiter Heinrich war somit in Dienst gestellt.

Den Abschluss der Übergabe bildete eine recht imposante Vorführung aller drei aufgefahrenen Leitern. In grellem Licht der Scheinwerfer kurbelten Männer mit der Hand die alte Veteranin hoch, während bei den beiden neuen Leitern ein Knopfdruck auf die Hydraulik genügte. Steil ragten die Metallspritzen in die schwindelnde Höhe des nächtlichen Himmels und als auch das letzte Glied ausgefahren war, stiegen ebenso mutige wie gewandte Feuerwehrmänner hinauf. Die Höhe der neusten Leiter wurde so recht erkennbar, als ihr Besteiger von der letzten Sprosse aus, nachdem er den Sicherheitskarabiner eingehakt hatte, die Metallkugel am Rathausfürst streichelte. Schwindelfrei muss man schon sein auf diesem schwankenden Gipfel! An der Spitze der Leiter befindet sich ein Sprechgerät zur Bodenstelle und ein eigener Suchscheinwerfer. Der Antrieb erfolgt voll hydraulisch und elektrisch gesteuert mittels Ölpumpen-Vorrichtung. Zwei dieser Leitertypen wurden übrigens über Frankreich nach Ostberlin geliefert, eine mit 54 Metern Höhe nach Rotchina. Ein Novum der neuen Leiter ist, dass man sie auch vertikal ausfahren kann, sodass sie notfalls als Rettungs- und Löschbrücke begangen werden kann, wenn zwischen dem Standort des Fahrzeuges und dem Brandherd das Gelände unpassierbar sein sollte. Auch dieser Verwendungszweck wurde dem staunenden Publikum demonstriert. Mit einer zünftigen Brotzeit und einem kameradschaftlichen Zusammensein schloss dieser so denkwürdige Tag für die Stadtfeuerwehr, die mit dieser neuen Leiter ein „Extra-Weihnachtsgeschenk“ erhalten hat.

Quelle: Memminger Zeitung, 18. Dezember 1962 von Dr. Oskar Bachlehner